Was ist eigentlich...?
Boogie Woogie:
Blue Jeans, fliegende Petticoats, Pferdeschwanz, Wirtschaftswunder, VW-Käfer und Elvis sind die Begriffe, die man sofort mit den 50er Jahren in Verbindung bringt. Der Tanz, der diese Epoche wesentlich geprägt hat, war der Boogie Woogie, ein Paartanz der in den 40er Jahren entstanden ist. Ziel war es damals mit den Füßen die schnellen Laufbässe der Klavierspieler zu betonen. Mit dem Aufkommen der Rock `n´ Roll-Musik wurde der Boogie auch zu diesen neuen Rhythmen getanzt. Der Boogie Woogie ist der Rock ‘n’ Roll der 50er Jahre. Einziger Unterschied zu damals ist:
Früher nannte man ihn „Rock ‘n’ Roll“ und heute eben „Boogie Woogie“. Früher gab es einige der Akrobatiken, die sich heute im Rock ‘n’ Roll wiederfinden, im Boogie Woogie. Diese Akrobatiken werden heute auf Turnierebene kaum noch getanzt, erfreuen sich aber großer Beliebtheit bei den Hobbytänzern.
In den 80er Jahren erlebte der Boogie Woogie seine Wiederentdeckung und wurde auf einmal wieder überall getanzt. Von München aus schwappte die Welle zum Ende der 80er Jahre auch nach Nordrhein-Westfalen, was mittlerweile zu einem zweiten deutschen Mutterland des Boogie Woogie geworden ist und erfolgreich mehrere Deutsche Meister sowie Europa- und Weltmeister stellt. Seitdem im Jahre 1998 von den USA eine riesige „New-Swing-Welle“ nach Europa herüberschwappte, erfreut sich der Boogie Woogie wieder wachsenderer Beliebtheit.
Zur damaligen Rock ‘n’ Roll -Musik (aus den 50ern: z. B. Bill Haleys Rock around the clock) oder Swing-Musik (aus den 30er/40er Jahren: z.B. Duke Ellington, Benny Goodman) und der heutigen New-Sing-Musik (z.B. The Brian Setzer Orchestra, Big Bad Voodoo Daddies) kann man den Boogie Woogie tanzen. Auch zu aktuell sehr bekannten Künstlern wird mittlerweile viel Boogie Woogie getanzt. Bestes Beispiel ist hier Robbie Williams mit seiner Swing-CD Swing when you’re winning oder Dick Brave and the Bachbeats mit der Rock ‘n’ Roll-CD Dick this! Am meisten findet man den Boogie Woogie allerdings auf Boogie Woogie-Turnieren, überall auf 50er Jahre-Feten, Oldie-Festivals und, und, und...
Beim Boogie Woogie-Turniertanz unterscheidet man in eine Jugend-, Haupt- und eine Oldie-Klasse. Im Gegensatz zum Rock ‘n’ Roll -Turniertanz tanzt man hier keine vorher einstudierte Folge, sondern man tanzt „frei“, d.h. die im Training geübten Figuren und kleinen Akrobatiken (die keine Pflicht sind) werden nach Führung des Herren getanzt. Auf einem Turnier steigert sich die Geschwindigkeit, auf die getanzt wird, von 46-48 T/Min (Takte pro Minute) in der Vorrunde bis hin zu 54 T/Min in der schnellen Endrunde. Damit die Finalpaare nicht allzu sehr aus der Puste sind, müssen sie in einer zweiten Runde ihr tänzerisches Können auf langsame Musik zeigen. Dann wird auf gaaaaaanz langsame Musik bei 34-36 T/Min ausdrucksstarker Boogie Woogie vom Feinsten gezeigt.
Wenn wir Ihr Interesse geweckt haben und Sie sich ein näheres Bild vom Boogie Woogie machen wollen, dann schauen Sie sich doch einfach mal unser Trainingsplan an und besuchen uns zu den dort angegebenen Zeiten.
Tatsächlich handelt es sich beim Boogie Woogie um einen Vorläufer des Hip-Hop. Beide Tänze haben gemeinsamen Vorfahren, den Blues. Dessen Wurzeln liegen in den Musikkneipen der amerikanischen Gangsta-Ghettos Ende der 1950er Jahre.
In einem dieser Etablissements, dem „New York Savoy Ballroom“ im Herzen Detroids, wurde mit dem Blues erstmalig ein Paartanz kreiert, der nicht auf vorgeschriebenen Schrittfolgen basierte, sondern allein von der Improvisation der Tänzer und Tänzerinnen lebte. Der Tanz schien geradezu revolutionär: alles war erlaubt - Hauptsache, die Paare bewegten sich im Takt der Musik. So konnte sich beim Swingtanz die spielerische Bewegungsfantasie der Schwarzen mit typisch weißen Tanzelementen vermischen.
Nur wenige Zeit später erfuhr der Blues eine Abwandlung - den Lindy Hop. Der Name war gut gewählt, denn genau wie beim Jahrtausendflug des amerikanischen Flugpioniers Charles Lindbergh, flogen beim Lindy Hop die Damen durch die Luft, wurden von ihren Tanzpartnern über den Kopf geworfen und um die Hüften gewickelt. Nicht zuletzt durch die Darstellung der verrückten Tanzfiguren und -szenen in Filmen der Marx Brothers wie „A Day At The Races“ oder dem Kultfilm „In der Hölle ist der Teufel los“ erfuhr der Lindy Hop einen enormen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad, der sich bis in die heutige Zeit gehalten hat. Eine weitere - wenn auch nicht ganz so bekannte - Swing-Variation nannte sich Jitterbug. Den Namen soll der schwarze Musiker Cab Calloway erfunden haben. Er verglich die sich nach seiner Musik wild gebärdenden Tanzpaaren mit „Zitterkäfern“.
In Deutschland wurde die Bluesmusik erstmals in den 30er Jahren bekannt. Von den Nationalsozialisten verpönt war die „exotisch-erotisch“ Musik und der Tanz von tanzwütigen alten Pärchen Mitte der 30er und in den 40er Jahren als willkommene Abwechslung zum gleichmachenden Marschrhythmus. Der Mitte der 90er Jahre produzierte Kinofilm „Swing Kids“ zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie die Machthaber die Verbindung aus Altenprotest und purem Spaß am Tanzen als deutsches Element zu unterdrücken versuchten.
Nach dem Untergang des „Hundertjährigen Reiches“ schwappte dann die Bluesmusik, vorgetragen von riesigen Bigbands, unaufhaltsam über den Atlantik. Und mit der Musik kam ein ganz neuer Tanz - der Boogie Woogie.
Diesmal handelte es sich jedoch nicht nur um eine reine Namensänderung des Bluestanzes - die Swingmusik selbst hatte eine Veränderung erfahren. Der gute alte Swing war in Amerika neu überarbeitet worden, mit einer fließenden Pianospielweise, aufgebaut auf der Bassbegleitung der linken Hand. Das spiegelte sich auch im Tanzstil wider: Obwohl der Boogie Woogie im Prinzip so getanzt wurde wie der Swing, kamen die Paare nicht ins Schaukeln. Dazu war bei der schnellen Musik gar keine Zeit. Rasend schnelle Füße, allein aus der Hüfte getanzt - genau das richtige Mittel, um im zerstörten Deutschland einer aufgestauten Amüsierwut Platz zu schaffen, alles Bedrückende abzustoßen. Der Boogie-Rhythmus, viel schneller als zuvor beim Swing, war wie ein Rausch, der oft bis zur körperlichen Erschöpfung ausgelebt, getanzt wurde.
In den 50er Jahren stellte sich allmählich wieder ein Leben in geordneten Bahnen ein. Doch viele Jugendliche empfanden das Bemühen ihrer Eltern, eine heile Nachkriegswelt aufzubauen, als bieder - ja verabscheuungswürdig. Da war der aus den Vereinigten Staaten kommende Rock 'n' Roll mit seinen heißen Texten, der fetzig-hämmernden Musik, dem wilden Tanz und dem extravagant-modischen Outfit genau das richtige Mittel, bestehende Konventionen umzustoßen. Man hörte, tanzte und - man lebte Rock 'n' Roll.
In unserer heutigen Zeit hat sich der Rock 'n' Roll zu einem reinen Turnhallen- und Turniersport entwickelt, der nur noch den Namen mit dem einstigen wilden Tanz und dem Flair der 50er Jahre gemein hat. Bei den Turnieren - einer Mischung aus Jazz Dance und Akrobatik - hört man Disco-Musik, die sich für die hüfthohen Fußkicks besonders gut eignet. Nur wenige der im poppigen Aerobic-Outfit gekleideten Paare sind über 30 - ältere könnten bei diesen auf absolute Höchstleistungen ausgerichteten Akrobatiksport kaum mithalten. Doch auch der Boogie Woogie-Tanz ist moderner geworden. Vor allem in den 70er und 80er Jahren, als sich der Tanz in Berlin einer erneuten Renaissance erfreute, erinnerte sein Grundschritt und der Tanzstil mehr an den Rock 'n' Roll der 50er Jahre, als an den super-schnellen Boogie der späten 40er.
Doch diese wilden Jahre sind heute Geschichte. Back to the Roots heißt das Motto. Musikinterpretation, aus der Hüfte getanzt, mit schnellen Füßen - damit hebt sich das Boogie-Tanzpaar von anderen Paaren ab. Seit einigen Jahren fließen immer mehr Swingelemente in den Boogietanz ein - eine Entwicklung, die sich auch am veränderten Musikgeschmack der Tänzerinnen und Tänzer ablesen lässt. Statt nach typischer Piano-Musik tanzt man hier auch schon mal nach „Rock around the Clock“ oder swingigem Bigbandsound.
Es ist also nicht verwunderlich - um auf die Anfangsbemerkung dieses Textes zurückzukommen -, dass der eine oder andere im Boogie Woogie den guten alte Rock 'n' Roll wieder zu erkennen glaubt. Schließlich steht auch beim heutigen Boogie Woogie - neben dem Spaß am Tanzen - die Freude an der Musik der 40er und 50er Jahre im Mittelpunkt.

